Keine Münchnerin, aber ein Münchner Herz im Sturm erobert und dann in einer schlimmen Tragödie wieder zurückgelassen...
Baby... nur 3 Wochen
Ein Anruf kam am Mittag. Ein kleines Rattenbaby auf dem Hof einer Tierpension, mitten in der Sonne gesessen und nicht gut drauf und läuft nicht weg.
Per Telefon wurde Anweisung gegeben, Flüssigkeit zu geben, möglichst mit Traubenzucker und irgendwas breiförmiges, und ab in den Schatten damit. Eine Stunde später der Anruf, es geht ihm schlechter, es sitzt nur noch apathisch in der Ecke und rührt sich nicht und fressen und trinken mags auch nicht. Und man kommt nicht von der Arbeit weg zum Tierarzt.
Natürlich haben wir alles stehen und liegen gelassen und sind losgefahren. Eine Stunde später etwa waren wir auch da und wurden zu dem kleinen Käfig geführt, wo ein kleines Etwas reglos auf der Seite lag, steif und mit offenen Augen und verschmiertem Maul. Die ist tot, haben wir festgestellt und so hätte sie schon seit einer viertel Stunde dagelegen. Leichte Zuckungen nur noch, aber das ist bei frisch gestorbenen Tieren ja schonmal.
Ich hab es rausgenommen und wir haben es genauer angesehen. Und, oweh, es atmete tatsächlich noch, ganz wenig und flach und nur ganz langsam. Es war noch am Leben, auch wenn es im Koma lag, die Augen offen und keine Reflexe mehr. Gar nichts mehr, nur blutleere kalte und schlaffe Füßchen, trockene offene Augen und das Maul noch voll von Brei, den es genommen haben wird, bevor es umgefallen ist.
Ich habs geschnappt, auf ein Handtuch drauf und im Schatten kräftig massiert... die Atmung wurde etwas besser, stärker und schneller. Aber trotzdem nichts, alle Rippen waren zu spüren und die Haut blieb stehen, wo man sie hingeschoben hat... völlig ausgetrocknet.
Wärend ich gerieben und massiert hab, hat Dagmar und die Finderin eine Infusion aufgetrieben, immerhin Flüssigkeit. Da bekam sie was unter die Haut und dann sind wir mit dem Auto losgedüst. Das war eine intensive Zeit, die Fahrt hat sich ewig gezogen, vielleicht ne dreiviertel Stunde, und die ganze Zeit lag das Kleine im Koma. Ich hab massiert was das Zeug gehalten hat, hab sie atemerleichternd gelagert auf meinen Fingern und wenn die Atmung schlechter wurde den Hintern hochgelagert, dass das Blut ins Hirn fließt. Wenn ich das gemacht hab, ist sie manchmal sogar ein bischen zu sich gekommen, manchmal kamen die Reflexe kurz wieder, ein zweimal hat sie sogar die Pfoten bewegt, einmal sogar kurz den Kopf gehoben und einen Schritt bewegt, um dann sofort wieder zusammen zu brechen und weg zu sein. Die Augen immer wieder zugemacht, dass sie nicht austrocknen. Ein Kampf um Leben und tot mit 17g Ratte zwischen zwei Fingern und keiner wollte daran denken, ob sie noch eine Chance hat.
5min bevor wir in die Praxis des Tierarztes kamen, hat sie mit Schnappatmung angefangen, das waren insgesamt 10min, sicher, wenn nicht noch mehr. Da lag sie im Koma und hatte Schnappatmung und lag so mit ihren 17g auf dem Behandlungstisch und der Tierarzt glaubte nicht mehr so recht an einen Sinn, aber nun würde man es mal versuchen. Der Bauch wurde geschoren und intraperitoneal (in den Bauch) eine Infusion gegeben, noch eine Spritze unter die Haut mit Energiecocktail und Kreislauftropfen ins Maul. Dann bekam ich sie mit und musste im Wartezimmer warten und hoffen, sie immer massierend und warm haltend und fest daran glauben...
Kurz nach der ip-Spritze wurde die Atmung schon wieder stärker und 10min später war der Kopf wieder aufrecht und 30min später war sie wieder eine lebendige Ratte mit offenen Augen die schauen, neugierigem Schnüffeln und ersten Versuchen, weg zu krabbeln. Und da krabbelte sie also auf mir herum und auf der Hand hat sie sich hingesetzt und die Perlen an meinem Armband genuckelt und am Band geknabbert. Und dann hat sie ganz lang an einer Melone geleckt und gesaugt und als wir sie mit nach Hause genommen haben war sie eine süße, 3 Wochen alte, lebendige Ratte, wie alle sind in ihrem Alter...
Freundschaften, die im Koma geschlossen werden, sind besonders intensiv... *smile*
Sie hing an mir und kam mir immer hinterher, wollte immer unbedingt auf die Hand und am Liebsten lag sie ganz lange in meinem Dekolletté wie in einer Hängematte und hat die Nähe genossen und die Wärme und geschlafen und ab und an wieder geknuspert, geklettert und an meinen Fingern genuckelt. Das hat sie geliebt, das konnte sie stundenlang. Sie war mein Baby, sie war wunderbar, die Aufzuchtmilch fand sie super und hat überhaupt keine Anstalten gemacht, mit irgendwas davon Probleme zu haben... sie war mein Baby...

Alles war so herrlich, sie war ein 97%-Weibchen, mehr konnten wir nicht sagen, keiner war sich ganz sicher. Ich konnte sie nicht mehr hergeben, ich wollte sie mitnehmen und es wurde schon geplant - irgendwie wäre es schon gegangen, weil sich von ihr Trennen wäre nie mehr gegangen, sie war mein Baby und ich hab sie sehr geliebt, manchmal reichen für sowas auch wenige Stunden. Zumindest wenn es solche sind. Wenn man sie mit den eigenen Händen so lange Zeit am Leben hält, für sie kämpft und sie langsam wieder zurückkehren sieht, sich durchkämpfen und so schnell an mich gewöhnen... es wär schon irgendwie gegangen, hätte es müssen.
Die meisten Ratten könnte man leicht wieder abgeben, aber die nicht, ich hab mich so sehr auf alles gefreut, die Handaufzucht, das Aufstehen in der nacht, das Milch anrühren und füttern, das Bäuchlein massieren und schließlich das Miterleben, wie sie zu anderen Ratten kann und groß wird...
Alles war perfekt.
Bis sie dann tot war. Einfach so.
Spät Nachts wurde sie dämmriger, es ging ihr schlechter, aber wir konnten ihr nichts mehr geben, alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Sie musste es alleine schaffen...
Hat sie aber nicht. Und so hat die kleine Maus furchtbares erlebt, ist grausam gestorben, dann nochmal aufgeweckt worden und durfte noch einmal Nähe erfahren, Kontakt, Fressen und Trinken soviel man kann und eine kleine Bindung an ein anderes Wesen, das ein Mensch war... kurz nochmal leben dürfen und dann eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.
Ich vermisse dich wahnsinnig, wir beide, beide haben wir um dich geweint und du wirst noch lange Zeit fehlen und wirst nie niemals vergessen...
Judith